|
Durch 59 Weingüter, in denen jeweils der allerfeinste
Bordeaux kostenlos gereicht wird. Alles wäre wunderschön,
wenn da nur nicht die 42,195 Kilometer gelaufen werden müssten.
Verführung pur, oder: Definiere deine Grenzen neu.
Eine 42,195 Kilometer lange Weinprobe, eine mobile Party,
eine dreitägige Fete durch die berühmtesten Weinberge
der Welt. Es klingt nicht nur wahnsinnig, es ist der Wahnsinn,
was an diesem Septembermorgen im südfranzösischen
Pauillac, der Hauptstadt des Médoc, 50 Kilo- meter
nördlich von Bordeaux, passiert. Natürlich hatten
auch wir (eine Laufcrew des Veranstalters www.interAir.de)
vom berühmten Médoc-Marathon schon gehört,
dem angeblich längsten Marathon der Welt, der freilich
auch nur über die obligatorischen 42,195
Kilometer führt.
Aber: Es soll der längste Lauf sein, weil viele Mühe
mit der Ideallinie haben und im Zickzack von Chàteau
zu Chàteau laufen. K ölner Karneval-Stimmung bei
angenehmen Temperaturen. Pauillac morgens kurz nach 9 Uhr:
Aus Bussen und unzähligen Autos klettern die Läufer:
Asterix, Obelix, Wikinger, Pharaonen, Gott Bacchus, Bären,
Büffel, Bullen, auch entlaufene Sträflinge, Frankenstein
verfolgt von King-Kong, ein Hochzeitspaar, ein trojanisches
Pferd, Nonnen, eine Crew Männer mit nackten Hintern und
davor die Frauen mit bemaltem Busen, Bodypainting mit Startnummer.
Eine Traumwelt. Von den Parkplätzen bis zur Uferpromenade
von Pauillac formiert sich der bunte Zug. Alle etwas verrückt.
Eines allerdings vereint dieses bunte Volk der Karnevalisten:
Ganz unten sind sie alle gleich: Sie stecken in Laufschuhen,
die das Problem der nächsten vier bis sieben Stunden
deutlich machen.
Es geht nicht zum Rosenmontagszug. Gelaufen werden muss ein
echter Marathon. Doch im Gegensatz zu den großen Stadtläufen
hält sich am Start die Nervosität in Grenzen. Zumal
die Franzosen ein perfektes Event-Programm bieten. Samba-
Gruppen und fahnenschwenkende, leichtbeschürzte Girls
auf Podesten entlang der gut einen Kilometer langen Startbahn.
On y va. Auf geht's.
Als pünktlich um 9.30 Uhr der Startschuss fällt,
ist keineswegs abzusehen, welche Höllenqualen diese Tour
bringen wird. Im Gegenteil. Fröhlich gehen die fast durchweg
maskierten Läufer (so will es die Tradition) auf die
Strecke. Vorneweg ein paar ernsthafte Sportler ohne jede Maskerade.
Angeblich, so wird uns am Abend erzählt, sollen die im
Ziel ausgepfiffen worden sein. Weil sie viel zu schnell gelaufen
und weit unter drei Stunden angekommen waren. 42,195 Kilometer
durch die Weinberge. Alles, was vorher über diesen Marathon
erzählt wurde, stimmt oder wird übertroffen. Umgeben
von Weinbergen führt die leicht hügelige Strecke
direkt an einigen edlen Adressen vorbei: Cos d´Estournel,
Chàteau Lafonrochet, Cave Marquis de St-Estephe, Lafite
Rothschild, Mouton Rothschild, um nur einige der 59 Weingüter
zu nennen. Es wird gesungen, gelacht und lautstark angefeuert.
Dichtgedrängt die Zuschauer. Eine Stimmung wie bei der
Tour de France. Bis Kilometer 22 bleiben die meisten Läufer
trocken, wenngleich bis dahin schon 27 Chàteaus lockten.
Die Gläser standen bereit. Und nun das bei Kilometer
22: beim Probieren des 94iger Lafite Rothschild soll ein zarter
Schmelz von Pflaume und Vanille auf der Zunge zergehen, erzählt
eine adrette Französin. So wie sie aussieht, muss das
stimmen. Die meisten werden schwach und widmen sich dem edlen
Tropfen. Standhaft bleiben.
Danach wieder laufen in bester Stimmung. Keine schmerzverzerrten
Gesichter, fröhliches Lachen dominiert. Noch. Das nächste
Weingut wartet. Chàteau Lafon-Rochet. Nach weiteren
zehn Kilometern und sieben Weingütern hat sich die Lage
etwas verändert. Irgendwie sind alle ruhiger gewor- den
im Feld. Aus der Tour de France wird allmählich eine
Tortur de France. Wer nicht mehr ganz so schnell laufen kann,
trottet einfach hinterher. Hier kämpft keiner gegen den
anderen, son-dern alle miteinander gegen den Einen: den inneren
Schweine-hund. Der Weg ist das Ziel. Gut, dass es bei Kilometer
38 noch eine wohlverdiente Stärkung gibt: frische Austern
aus Arcachon mit einem Gläschen Champagner. Den kleinen
Imbiss mit einem vorzüglichen Champagner abrunden, das
klingt verdammt gut. A dieu, ihr guten Vorsätze. Schluss
mit der Qual. Ein-en von unzähligen eifrigen Helfern
fährt mit dem Messer zwischen die kalkigen Blätter
der Schale, trennt die obere ab und hält die untere hin.
In ihrer Mitte zuckt das gelblich-graue Gelee. Drei Minuten
reichen für fünf fangfrische Austern und den Champagner.
Wie erwartet köstlich. So ähnlich muss Gott in Frankreich
leben. Nur noch vier Kilometer.
Aber vier Kilometer nach bereits gelau-fenen 38 sind unendlich
weit. Normalerweise fängt, so die Marathon-Bibel von
Manfred Steffny, ein Marathon erst bei Kilometer 30 so richtig
an. Jeden-falls in Bezug auf das kollektive Leiden. Diesmal
ist das alles anders. Bis zur Austern-Bar ging es relativ
glatt. Doch nun verlieren auch die letzten Marathonis ihre
Gelassenheit und entschwinden im Nirwana des Runners Hight.
Das ist das, was die Finisher später als körperliche
Grenzerfahrung bezeichnen. Eine Art schwerelose Euphorie entsteht,
gepaart mit Schmerzen an allen Ecken und Enden, die dich unablässig
beglei-ten. Keiner will jetzt mehr reden. Der Champagner ist
offensichtlich sofort ins Blut geflossen. Schwere Beine gegen
die ange-nehme Leichtigkeit des Seins. Nur noch drei Kilometer.
Eine Ewigkeit. Nicht einmal das Stummelschwänzchen am
Bunny-Kostüm vor uns (über das wir vor Stunden so
herrlich gespottet hatten) und die Blonde mit dem verwaschenen
Painting auf dem Busen lenken ab. Laufen, laufen, laufen.
Der Kopf dröhnt. Und dann endlich: Da vorne wartet die
Erlösung. Je höher die Qualen, desto dichter die
Zuschauer. Das Ziel ist in Sichtweite. Stimmung-wandel. Hallo,
ihr lieben Endorphine, endlich seid ihr da. Nach für
die Verhältnisse gerade noch einigermaßen akzeptablen
fünf Stunden (am Ende Platz 3594) - beginnt die wahre
Tour de France mit Abklatschen, Samba und einem Ziel vor Augen,
in dem jeder Läufer zur Medaille das bekommt, was ihm
auch die nächsten Stunden versüßen wird: eine
Flasche Bordeaux und eine Massage. Wer noch stehen kann, feiert
am Abend in Pauillac. Bei der Fete Sans Pattes
(ohne Füße) mit Musik und Feuerwerk.
Als sportliches Dessert erwartet uns am nächsten Morgen
eine weitere Herausforderung. La balade du Haut-Médoc,
diesmal ein zwölf Kilometer Kurs durch namhafte Weingüter
nord-westlich von Pauillac. Ballade soll wohl
Spaziergang heißen. Aber nach einem Marathon gibt es
keinen Spaziergang. Und so traben gut 4000 Läufer mit
kaputten Füßen vom Vortag los, um sich am Ende
zu einem grandiosen Wein-Menu zu versammeln. Der Schluss ist
in Ordnung. Gut, dass nach vier Kilometern eine Abkürzung
sichtbar wird. Nur Verrückte latschen so lange durch
Weinberge.
|